Gesundheitsforschung braucht Gerechtigkeit: Frauengesundheit endlich im Fokus

Nur ein Bruchteil der weltweiten Forschungsgelder – etwa sieben Prozent – fließt in Krankheiten, die speziell Frauen betreffen. Gleichzeitig sind rund 95 Prozent aller Medikamente nicht ausreichend auf ihre Sicherheit in Schwangerschaft und Stillzeit geprüft worden. Ein aktueller Bericht der Unternehmensberatung Kearney in Zusammenarbeit mit dem Weltwirtschaftsforum und der Gates Foundation ruft nun zu tiefgreifenden politischen Reformen auf. Im Mittelpunkt stehen neue Anreize für Innovationen, verpflichtende Quoten in klinischen Studien sowie eine differenzierte Auswertung von Daten unter Berücksichtigung geschlechtsspezifischer Unterschiede. Die Verfasser des Berichts sehen darin nicht nur eine gesundheitspolitische Notwendigkeit, sondern auch eine Chance für wirtschaftlichen Fortschritt und gesellschaftliche Entwicklung.

Frauen verbringen im Durchschnitt ein Viertel ihres Lebens in einem schlechteren Gesundheitszustand als Männer. Dennoch hinkt die medizinische Forschung hinterher: Nur ein kleiner Teil der verfügbaren Arzneimittel ist ausreichend auf ihre Anwendung bei Schwangeren und Stillenden getestet. Studien werden nach wie vor überwiegend mit männlichen Probanden durchgeführt. Der Bericht Prescription for Change setzt genau an diesem Missstand an. Ziel ist es, strukturelle Defizite in der Forschungspraxis zu beseitigen.

Das Autor:innenteam legt fünf zentrale Handlungsempfehlungen vor – darunter neue Fördermodelle, verbindliche Einschlusskriterien für klinische Studien sowie transparente Angaben zu geschlechtsspezifischen Wirkmechanismen. Die Berichtsverantwortlichen machen deutlich, dass es sich nicht um Einzelfälle handele. Vielmehr sei die aktuelle Situation Ausdruck eines Systems, das historisch nicht auf die spezifischen Bedürfnisse von Frauen ausgerichtet sei. Auch von Seiten des Weltwirtschaftsforums wird betont, dass mangelnde Forschung zu Frauengesundheit Folgen für die gesamte Bevölkerung habe. Die Botschaft ist eindeutig: Die gesundheitliche Versorgung von Frauen müsse zu einem politischen Kernanliegen werden.

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Ein zentrales Element der Reformvorschläge ist die Neuausrichtung klinischer Forschung. Studien sollen künftig so konzipiert werden, dass sie die Vielfalt der Bevölkerung – einschließlich unterschiedlicher Geschlechter, Altersgruppen und ethnischer Hintergründe – systematisch berücksichtigen. Besonders in Bezug auf schwangere und stillende Frauen herrscht laut Bericht ein gravierender Mangel an belastbaren Daten. Hierfür wird ein spezieller Untersuchungsplan vorgeschlagen, der durch gezielte finanzielle Anreize unterstützt werden soll.

Die Berichtsverantwortlichen weisen darauf hin, dass viele Frauen im Gesundheitssystem immer noch mit Fehldiagnosen, langen Wartezeiten und dem Gefühl konfrontiert seien, nicht ernst genommen zu werden. Persönliche Erfahrungen zeigten, dass sich oft erst dann etwas ändere, wenn medizinisches Fachpersonal Frauen nicht nur als Patientinnen, sondern in ihrer spezifischen Lebensrealität wahrnehme.

Um sicherzustellen, dass medizinischer Fortschritt künftig alle Menschen erreicht, fordert der Bericht tiefgreifende Veränderungen in den Bereichen Regulierung und Finanzierung. Neben steuerlichen Anreizen und gezielten Förderprogrammen wird auch eine Reform der Preisgestaltung für neue Therapien vorgeschlagen. Die Kernaussage: Solange Frauen einen erheblichen Teil ihres Lebens in schlechterer Gesundheit verbringen, handelt es sich nicht nur um ein medizinisches Problem – es ist ein strukturelles Versäumnis, das aktives politisches Handeln erfordert.

Die fünf Handlungsschwerpunkte des Berichts zielen darauf ab, die Forschungspolitik dauerhaft zu verändern. Neben wirtschaftlichen Anreizen sollen auch Standards für Datenerhebung und -auswertung angepasst werden. So fordert der Bericht unter anderem eine einheitliche Terminologie, geschlechtsspezifische Risikoanalysen und eine bessere Einbindung unterrepräsentierter Gruppen in Studien – insbesondere schwangere und stillende Frauen. Zudem sei es notwendig, geschlechterspezifische Erkenntnisse auch in Fachinformationen, Leitlinien und Beipackzetteln zu verankern.

Die Fachleute machen deutlich, dass in der Arzneimittelforschung nach wie vor Modelle dominieren, die individuelle Unterschiede als Störfaktoren betrachten. Das führe dazu, dass Frauen häufig mit nicht angepassten Dosierungen oder unpassenden Therapieformen behandelt würden. Auch die Rekrutierung und Schulung von Studienpersonal sowie Teilnehmerinnen müsse überarbeitet werden. Die Empfehlungen seien laut Bericht kein theoretischer Idealismus, sondern ein realistischer und notwendiger Plan für mehr Wirksamkeit, Sicherheit und Gerechtigkeit in der medizinischen Versorgung.

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Dieser Text basiert auf einer Pressemitteilung von Kearney/ Veröffentlicht am 02.07.2025