Geschlechtsspezifische Aspekte spielen in der deutschen Medizin aus Sicht vieler Ärztinnen und Ärzte noch immer eine zu geringe Rolle. Das zeigt eine repräsentative forsa-Umfrage zum Internationalen Tag der Frauengesundheit am 28. Mai, die im Auftrag des AOK-Bundesverbandes durchgeführt wurde. Demnach bestehen Defizite in mehreren Bereichen, vom Medizinstudium über Fortbildungen bis hin zu Leitlinien und Zulassungsstudien für Arzneimittel. Auffällig ist dabei, dass die Wahrnehmung der Probleme zwischen Ärztinnen und Ärzten zum Teil deutlich auseinandergeht.
So gaben insgesamt 32 Prozent der Befragten an, dass im Medizinstudium überhaupt nicht vermittelt worden sei, dass sich Krankheiten bei Frauen und Männern unterschiedlich äußern können. Weitere 35 Prozent erklärten, diese Inhalte seien nur beiläufig behandelt worden, 29 Prozent sahen sie immerhin in gewissem Umfang berücksichtigt und nur zwei Prozent bewerteten die Vermittlung als ausführlich. Besonders deutlich fällt der Unterschied zwischen den Geschlechtern aus: 39 Prozent der Ärztinnen sagten, solche Inhalte seien im Studium gar nicht behandelt worden, bei den männlichen Kollegen lag dieser Anteil bei 25 Prozent.
Ein ähnliches Bild zeigt sich auch im Berufsalltag. Mehr als jede zweite Ärztin, nämlich 54 Prozent, gab an, bereits häufig oder zumindest manchmal als Nachteil erlebt zu haben, dass geschlechtsspezifische Medizin in den Studiencurricula kaum vorkomme. Unter den männlichen Ärzten sagten dies nur 34 Prozent.
Auch zwischen den Altersgruppen gibt es Unterschiede. Unter den Ärztinnen und Ärzten unter 45 Jahren erklärten 20 Prozent, geschlechtsspezifische Unterschiede seien im Studium gar nicht vermittelt worden. Bei den Befragten ab 55 Jahren lag dieser Anteil mit 45 Prozent deutlich höher.
Die Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes, Dr. Carola Reimann, machte deutlich, dass Frauengesundheit zwar zunehmend öffentliche Aufmerksamkeit erfahre, für eine systematische Stärkung aber eine konsequentere Verankerung geschlechtsspezifischer Aspekte in Forschung, Lehre und Versorgung notwendig sei. Zugleich verwies sie darauf, dass inzwischen zwei Drittel der Medizinstudierenden Frauen seien, Führungspositionen im medizinischen Bereich aber weiterhin überwiegend von Männern besetzt würden. Aus ihrer Sicht braucht es deshalb Strukturen, die mehr Gleichberechtigung in medizinischen Karrierewegen ermöglichen. Solange das nicht erreicht sei, müssten sich insbesondere Männer in verantwortlichen Positionen stärker für Frauengesundheit einsetzen.
Großer Wunsch nach angepassten Leitlinien
Bei der Frage nach medizinischen Leitlinien gibt es dagegen eine breite Zustimmung in der Ärzteschaft. Insgesamt 87 Prozent der Befragten wünschen sich, dass geschlechtsspezifische Aspekte dort stärker berücksichtigt werden. Unter den Ärztinnen liegt dieser Wert bei 92 Prozent, unter den Ärzten bei 82 Prozent. Leitlinien dienen dem medizinischen Personal als wissenschaftlich fundierte Orientierungshilfe für Diagnostik und Behandlung.
Auch Fortbildungen könnten nach Einschätzung vieler Befragter eine größere Rolle spielen. Dennoch hat laut Umfrage mit 67 Prozent eine deutliche Mehrheit bislang noch nie an einer Fortbildung teilgenommen, die sich mit der unterschiedlichen Behandlung von Frauen und Männern beschäftigt. Als Gründe nannten 44 Prozent einen Mangel an Angeboten. 38 Prozent sehen keine Relevanz für ihr eigenes Fachgebiet, während für 29 Prozent andere Themen im Vordergrund stehen.
Kritik an Arzneimittelstudien
Ein besonders ausgeprägtes Problembewusstsein besteht in der Ärzteschaft beim Thema Arzneimittelstudien. In Deutschland gibt es keine Pflicht, Frauen in frühen Studienphasen entsprechend ihrem Anteil an den Erkrankten einzubeziehen und die Ergebnisse geschlechtsspezifisch auszuwerten. Das betrifft sowohl Untersuchungen zu Dosierung und Toxizität als auch Phase-3-Studien, in denen Sicherheit und Wirksamkeit an größeren Gruppen getestet werden. Insgesamt 81 Prozent der Ärztinnen und Ärzte halten das für sehr oder eher problematisch.
Reimann sieht hier vor allem die Politik in der Verantwortung. Sie fordert eine deutlich bessere Datengrundlage in der medizinischen Forschung. Studien müssten geschlechtsspezifisch ausgewertet werden, damit Nebenwirkungen von Arzneimitteln bei Frauen und Männern besser erkannt und verringert werden könnten. Es gehe dabei nicht um kleine Unannehmlichkeiten, sondern teilweise um ernste und dauerhafte gesundheitliche Schäden, die entstehen könnten, wenn Unterschiede zwischen den Geschlechtern bei der Zulassung von Medikamenten nicht ausreichend beachtet würden. Frauen dürften in der Medizin nicht länger behandelt werden, als seien sie lediglich kleinere Männer.
Dieser Text basiert auf einer Pressemitteilung von AOK-Bundesverband/Veröffentlicht am 28.05.2026 und wurde unter Zuhilfenahme von KI erstellt.