Wirtschaftliche Verantwortung in der Modebranche: Nachhaltigkeit bleibt Herausforderung

Weltweit wächst das Bewusstsein für nachhaltige Mode – auch in Deutschland. Laut dem Mintel Report „Germany Sustainable Fashion Market 2024“ wünschen sich 40 Prozent der deutschen Verbraucherinnen mehr Transparenz über den gesamten Produktlebenszyklus. Besonders die jüngeren Generationen legen zunehmend Wert auf nachhaltiges Handeln. Vor diesem Hintergrund untersuchte die Berlin School of Business and Innovation (BSBI) die internationale Modebranche – mit ernüchterndem Ergebnis: Trotz steigender Erwartungen der Konsumentinnen zahlen fast alle großen Unternehmen ihren Beschäftigten keine existenzsichernden Löhne und geben nur unzureichend Auskunft über Herkunft und Produktionsbedingungen ihrer Kleidung.

USA führen, Deutschland im Mittelfeld

Mit 68 Modekonzernen stehen die USA an der Spitze des weltweiten Rankings, gefolgt von Großbritannien (25), Italien (21), Frankreich (18) und Deutschland (17). Länder wie Belgien, Dänemark, Finnland oder Irland sind dagegen nur mit jeweils einer Marke vertreten.

Faire Löhne bleiben Ausnahme

Besonders besorgniserregend: 213 der 219 untersuchten Modeunternehmen zahlen nachweislich keine existenzsichernden Löhne (Kategorie E). Lediglich sechs Konzerne – aus den USA, Großbritannien, Deutschland und den Niederlanden – erreichen Kategorie D, bei der bis zu 25 Prozent der Beschäftigten einen sogenannten Living Wage erhalten. Kein einziges Unternehmen fällt in die Kategorien A bis C. Zwar haben 58 Konzerne angekündigt, künftig existenzsichernde Löhne zu zahlen, doch konkrete Aktionspläne existieren nur bei fünf von ihnen. Auch die Offenlegung zu Gewerkschaftsfreiheit und Tarifbindung bleibt selten: Nur 20 Unternehmen veröffentlichen hierzu Daten – vier davon aus Deutschland. Damit zeigt sich die deutsche Modeindustrie zumindest bei der Transparenz leicht fortschrittlicher als viele andere Länder.

Dr. Gemma Vallet, Vizedekanin der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften und Expertin für Mode- und Markenmanagement an der BSBI, betont, dass die Branche trotz ihres kreativen und globalen Einflusses ihrer Verantwortung gegenüber den Beschäftigten nicht gerecht werde. Sie unterstreicht, dass faire Löhne keine Option, sondern die Basis ethischen Wirtschaftens seien. Deutschland nehme in Europa zwar eine wichtige Rolle ein – sowohl durch seine Bemühungen um mehr Nachhaltigkeit und Transparenz als auch durch die wirtschaftliche Bedeutung des Sektors. Laut dem Bericht „Status Deutscher Mode 2024“ des German Fashion Council in Kooperation mit Oxford Economics und eBay Deutschland trug die Branche 2023 rund 29 Milliarden Euro zur Bruttowertschöpfung bei und sicherte fast eine Million Arbeitsplätze. Vallet hebt hervor, dass diese wirtschaftliche Stärke auch mit einer besonderen Verantwortung einhergehe.

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Fehlende Transparenz in der Lieferkette

Ein weiterer Untersuchungsschwerpunkt war die Nachvollziehbarkeit der Lieferketten. Bewertet wurde, in welchem Umfang Modekonzerne offenlegen, wo und unter welchen Bedingungen ihre Produkte entstehen. Die Transparenz wurde auf einer Skala von 1 bis 5 Sternen gemessen – 5 steht für vollständige Offenlegung, 1 für minimale. Im Durchschnitt erreichen die 219 untersuchten Konzerne nur 2,69 Sterne. Besonders transparent sind Marken aus der Schweiz, Schweden, Norwegen, Hongkong, Dänemark und Belgien (5 Sterne). Die Niederlande (4 Sterne) und Deutschland (3,53 Sterne) schneiden im Vergleich ebenfalls überdurchschnittlich ab. Am Ende des Rankings stehen China, Indien, Korea, Polen, Singapur, die Türkei und die Vereinigten Arabischen Emirate mit jeweils nur einem Stern.

Laut Vallet zeigen die Ergebnisse deutlich, dass wirtschaftlicher Erfolg in der Modebranche nur selten mit fairen Arbeitsbedingungen einhergeht. Sie weist darauf hin, dass 213 von 219 Unternehmen keine existenzsichernden Löhne zahlen – ein weltweites Versäumnis. Zwar gebe es in Deutschland erste Fortschritte bei der Transparenz, doch auch hier bleibe beim Thema faire Bezahlung noch viel zu tun. Gleichzeitig fordere ein erheblicher Teil der Verbraucher*innen in Deutschland mehr Offenheit entlang der gesamten Lieferkette. Diese Kluft zwischen Kundenwunsch und Unternehmensrealität verdeutliche, wie dringend die Branche ein grundlegendes Umdenken brauche. Der Masterstudiengang Fashion and Luxury Brand Management der BSBI solle Studierende genau darauf vorbereiten – Nachhaltigkeit, Transparenz und wirtschaftliches Denken in Einklang zu bringen und die Modebranche zukunftsfähig zu gestalten.

Über die Untersuchung

Die Analyse stützt sich auf Daten von fashionchecker.org, einer internationalen Plattform, die Transparenz und faire Löhne in der Modeindustrie überprüft. Ziel der Untersuchung war es, Verbraucherinnen und Textilarbeiterinnen Zugang zu verlässlichen Informationen über die größten Modemarken weltweit zu bieten. Bewertet wurden 219 Konzerne aus 28 Ländern anhand von fünf Kriterien: Sitzland, Transparenz der Lieferkette, Zahlung existenzsichernder Löhne, Vorliegen eines Aktionsplans sowie öffentliche Verpflichtung zu Living Wages und Offenlegung von Gewerkschaftsfreiheit.

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Über die BSBI

Die Berlin School of Business and Innovation (BSBI) ist eine private Wirtschaftshochschule mit Standorten in Berlin, Hamburg, Paris und Barcelona. Seit 2018 bildet sie internationale Führungskräfte in praxisorientierten, englischsprachigen Bachelor-, Master- und Promotionsprogrammen in Bereichen wie Betriebswirtschaft, Marketing, Finanzen, IT, Tourismus und Eventmanagement aus. Mit über 7.500 Studierenden aus 114 Ländern legt die BSBI besonderen Wert auf praxisnahes Lernen und internationale Zusammenarbeit. Ihre Lehrqualität wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem AMBA/BGA Best Innovation Strategy Award und dem Outstanding Organisation Award (Education 2.0 Conference). Die BSBI gehört zur GUS Germany GmbH, einem Netzwerk mit über 18.000 Studierenden in Deutschland und Europa.

Dieser Text basiert auf einer Pressemitteilung von Berlin School of Business and Innovation/Veröffentlicht am 06.11.2025